Renaissance der Sinnhaftigkeit
Renaissance der Sinnhaftigkeit
Jubiläumsvortrag zum 40-jährigen Bestehen des Süddeutschen Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse, Fürstenfeldbruck, 18. September 2026 (im Saal und über Zoom)
Worum es ging
„Der Mensch ist ein Computer; aber er ist zugleich unendlich mehr als ein Computer.“ Diesen Satz hat Viktor E. Frankl vor fast sechzig Jahren geschrieben, als Computer noch ganze Schränke füllten. Heute ist die Frage dahinter aktueller denn je.
Als man in der Renaissance in Rom die Erde aufgrub, fand man antike Statuen. Sie waren nicht neu, sie waren die ganze Zeit da gewesen, verschüttet und überbaut. Die Renaissance hat nichts erfunden. Sie hat wiedergefunden. Und oft fand man diese Dinge nicht, weil man sie suchte, sondern weil man über sie stolperte.
So lässt sich die Not unserer Zeit lesen: die Leere nach dem Chat mit der Maschine, die Erschöpfung, das Gefühl, dass immer mehr immer weniger wird. Das sind die Stolpersteine. Sie tun weh, und sie zeigen, dass unter dem Boden etwas steht. Der Sinn muss nicht erfunden werden. Er ist da.
Fünf Gedanken aus dem Vortrag
1. Die Leere ist ein Signal, kein Defekt.
Frankl nannte es die existenzielle Frustration: eine innere Leere, die nicht daher kommt, dass uns etwas fehlt, sondern dass uns das Wesentliche fehlt, während wir alles andere haben. So wie Hunger anzeigt, dass der Körper Nahrung braucht, zeigt die Sinnleere an, dass der Geist Bedeutung braucht.
2. Antworten erzeugen ist nicht antworten.
Eine künstliche Intelligenz kann Antworten erzeugen, aber sie kann nicht antworten. Antworten kann nur, wer betroffen ist. Sinn ist nach Frankl immer die Antwort auf eine Frage, die das Leben uns stellt, und wer gefragt ist, kann sich nicht vertreten lassen. Die Maschine ist nicht gefragt, sie hat nichts zu verlieren, sie steht in keiner Situation.
3. Das Zwecklose muss sich wieder nicht rechtfertigen.
Der Spaziergang wird zum Stressmanagement, das Gespräch mit dem Freund zur Resilienzressource, das Gitarrespielen zur neuromotorischen Übung. Wir sind so gut darin geworden, den Nutzen von allem zu beweisen, dass wir verlernt haben, den Sinn von irgendetwas zu spüren. Die Maschine kann jeden Nutzen berechnen. Was sie nicht kann: gerufen werden.
4. Sinn ist Beziehung.
Der Mensch ist erst ganz er selbst, wo er sich vergisst, hingegeben an eine Aufgabe oder an einen Menschen (Frankl: Selbsttranszendenz). Darum ist Sinnleere fast immer auch Beziehungsleere. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das Gelingende „Resonanz“, und Resonanz lässt sich nicht kaufen und nicht beschleunigen. Der Kopf ist schnell, die Seele ist langsam: Werte werden im Tempo des Fühlens wahrgenommen.
5. Erschütterbarkeit ist eine Fähigkeit.
Eine Maschine ist vollkommen unerschütterlich; das ist ihre Stärke und ihre Armut. Wer sich erschüttern lässt, von einem Unrecht, einer Schönheit oder der Not eines anderen, bei dem beginnt Handeln. In der Erschütterung meldet sich auch das Gewissen, das Frankl ein Sinn-Organ nannte: kein Richter, sondern ein Wahrnehmungsorgan dafür, worauf es jetzt ankommt. Es schmerzt nur, wo geliebt wird.
Für den Alltag: Zehn Orte der Wertverwirklichung
Ein Wert zeigt sich nicht im Nachdenken über ihn. Er verwirklicht sich in der kleinen Handlung.
- Das Handy bleibt in der Tasche, wenn jemand von seinem Tag erzählt.
So verwirklicht sich Zuwendung: Der andere spürt, dass er Vorrang hat vor allem, was blinkt. - Der aufgeschobene Anruf beim alten Freund – heute.
Treue ist kein Gefühl im Herzen, sie ist eine gewählte Nummer. - Ein Nein, das längst fällig ist – freundlich, ohne Rechtfertigungsgirlanden.
Selbstachtung verwirklicht sich nicht im Nachdenken über Grenzen, sondern im Ziehen einer einzigen. - Die Kassiererin ansehen und grüßen.
Würde wird nicht im Grundgesetz erlebt, sondern an der Kasse, dort, wo jemand sonst übersehen wird. - Einen Fehler zugeben ohne ein Aber.
Wahrhaftigkeit hat ein Erkennungszeichen: den fehlenden Nebensatz. - Etwas reparieren statt wegwerfen.
Achtsamkeit gegenüber den Dingen ist eine Übung in Dankbarkeit überhaupt. - Die Arbeit ordentlich zu Ende führen, wenn niemand hinsieht.
Redlichkeit braucht keinen Zeugen – genau daran erkennt man sie. - Beim Streit den ersten Schritt machen, auch wenn man im Recht ist.
Versöhnung verwirklicht sich nie gleichzeitig; einer fängt an. - Am Krankenbett das Schweigen aushalten.
Beistand ist ein Dableiben, kein Sagen. - Abends drei Zeilen: Was war heute sinnvoll?
Selbstbesinnung ist der Wert, der alle anderen sichtbar macht – und was gesehen wird, wächst.
Ein einziger Schritt
„Es ist ein Unterschied, ob man den Weg kennt oder ob man den Weg geht“, heißt es im Film Matrix. Hegel hat dasselbe zweihundert Jahre früher gesagt: Man lernt nicht schwimmen, ehe man sich ins Wasser wagt. Mit dem Sinn ist es genauso.
Die Einladung des Abends ist darum klein und ernst zugleich: Wählen Sie einen einzigen Schritt, in dem das, was Ihnen wichtig ist, in dieser Woche Wirklichkeit werden kann. Ein Anruf. Ein Anfang. Ein Nein. Ein Ja.
Das ist keine Pflichtübung. Wer das fällige Nein ausspricht, den überrascht oft ein Gefühl von Weite; wer den aufgeschobenen Anruf wagt, erlebt Nähe. Und wer das öfter tut, bei dem wird aus der einzelnen Tat eine Haltung. Aus Haltungen, nicht aus Einsichten, wächst Persönlichkeit. Haltungen werden geübt wie Griffe auf der Gitarre: erst mühsam, dann gekonnt, irgendwann sind sie einfach da.
Zum Schluss
Leben braucht Zeugen. Ein Zeuge ist mehr als ein Zuhörer: einer, der dabei ist und den es etwas angeht. Die Maschine kann zuhören, rund um die Uhr, geduldiger als jeder Mensch. Aber sie bezeugt nichts, denn es geht sie nichts an.
Je mehr Antworten uns umgeben, desto deutlicher wird, dass wir keine Antworten suchen, sondern ein Wozu. Und ein Wozu bekommt man nicht geliefert. Man findet es – meistens in einer Beziehung, immer in der Tiefe.
Handout zum Herunterladen: Zehn Orte der Wertverwirklichung im Alltag (PDF)
Zum Weiterlesen: Viktor E. Frankl, Der Wille zum Sinn und Ärztliche Seelsorge · Hartmut Rosa, Resonanz (Suhrkamp 2016) und Unverfügbarkeit (Residenz 2018) · Alexander Batthyány, Die Überwindung der Gleichgültigkeit (Kösel 2017) · Anna Lembke, Die Dopamin-Nation